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Viel Luft nach oben: Digitale Medien in der Schule

Anmerkung:
Dies ist die ungekürzte Fassung meines in der Zeitschrift „LA Multimedia“ erschienenen Artikels (Ausgabe 11/2016). Die lesenswerte Printausgabe erhalten Sie hier.

Digitale Medien haben an deutschen Schulen einen schweren Stand. Zu oft wird über „richtige“ Medienkonzepte oder die Finanzierung diskutiert und das wirklich Wesentliche vergessen:
die Integration digitaler Medien kann nur dann gelingen, wenn die allgemeinen Lernstrukturen an Schulen ein zielorientiertes und personalisiertes Lernen überhaupt ermöglichen.

Grundsätzliche Probleme und wie die Alemannenschule Wutöschingen diese angegangen ist

Seit der humboldtschen Bildungsreform Anfang des 19. Jahrhunderts hat sich Schule in Deutschland — gemessen an den gesellschaftlichen Veränderungen — kaum weiterentwickelt. Noch immer werden Lernprozesse standardisiert, Schüler regelmäßig selektiert und ihre Leistungen an tradierten, inzwischen aber oftmals unzeitgemäßen Kriterien gemessen. Dies resultiert darin, dass kommende Generationen schlecht auf ihr Leben in einer sich wandelnden Gesellschaft vorbereitet werden.
An der Alemannenschule Wutöschingen, einer Gemeinschaftsschule im äußersten Süden Baden-Württembergs, versuchen wir, diesen Herausforderungen mit neuen Konzepten zu begegnen!

Veränderte Wirklichkeit


Während es im vergangenen Jahrhundert erstrebenswert war, sich unterzuordnen und nicht aus der Masse herauszustechen (wofür bspw. Kopfnoten ein Ausdruck sind), wird heute gerade von jungen Menschen Originalität erwartet. Nicht umsonst lassen mehr und mehr Firmen ihre Bewerber durch sog. Assessment-Center laufen, um den einen Bewerber zu finden, der am besten zur Firma passt. Mit „Mittelmaß“ (im positiven Sinne) hat man hier keine Chance. Es wird also deutlich, dass sich Firmen nicht mehr auf Schulzeugnisse – und damit auf die dort herrschenden Bildungsstandards – verlassen (können).
So schreibt die Manpower Group (drittgrößter Dienstleistungsanbieter der Welt) in einer Studie, dass weltweit 38% aller Arbeitgeber massive Schwierigkeiten haben, offene Stellen zu besetzen, da Bewerber oftmals nicht die benötigten Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzen. In Deutschland sind dies sogar 46% (vgl. Manpower Group, „2015 Talent Shortage Survey“)!
Ein Grund hierfür ist aus meiner Sicht das Missverhältnis zwischen gesellschaftlicher Realität und einem Bildungssystem, dessen Bildungsbegriff sich in den letzten 200 Jahren kaum verändert hat: Alle gleichaltrigen Kinder sollen beim gleichen Lehrer mit dem gleichen Lehrmittel im gleichen Tempo das gleiche Ziel zur gleichen Zeit gleich gut erreichen (sog. „7G-Modell“).
Um einer komplexen Realität begegnen zu können, helfen standardisierte Strukturen aber wohl kaum weiter.  Deshalb geht die Alemannenschule Wutöschingen hier den Weg eines „8V-Modells“: Auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigsten Zeiten mit vielfältigen Materialen in vielfältigen Schritten mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen. So ermöglichen die Lernstrukturen ein vollkommen personalisiertes Lernen, bei dem Lernpartner je nach Graduierungsstatus selbst entscheiden können, was sie wo, wann, mit welchem Material und mit wem lernen.
Ein Lernklima das „laissée faire“ — wie es Gegner von Gemeinschaftsschulen oft bemängeln — ist hiermit jedoch sicher nicht gemeint! Dies möchte ich anhand zweier Beispiele erläutern:

Lernberatung: In wöchentlichen Lernberatungen und im täglichen Kontakt (ein Lernbegleiter betreut 14 Lernpartner) werden gemeinsam Ziele formuliert, Hilfestellungen gegeben, und ganz wichtig: an der Beziehung gearbeitet. So bekommen die Lernpartner nicht nur über die gängigen sechs Arbeiten im Jahr Rückmeldung über Ihren Lernstand, sondern wissen zu jedem Zeitpunkt, was sie noch nicht können, wo, womit und mit wem sie dies lernen können und vor allem, was sie bereits können!
Gelingensnachweise: An der Alemannenschule Wutöschingen gibt es — wie an Baden-Württembergischhen Gemeinschaftsschulen üblich — zunächst keine Noten. So können Lernpartner Gelingensnachweise („Arbeiten“) entweder bestehen, oder eben nicht. Hat ein Lernpartner nicht mindestens 83% der Punkte eines Gelingensnachweises erreicht, ist er nicht bestanden und der Lernpartner kann auf Grundlage des Feedbacks nochmals gezielt lernen und den Gelingensnachweis in einer anderen Version wiederholen. Hierdurch wollen wir sicherstellen, dass nicht die „4 gewinnt“, sondern dass die Lernpartner nur dann an schwierigere Lerninhalte herantreten, wenn sie die Grundlagen wirklich verstanden haben. So wird auch vermieden, dass Lernpartner abgehängt werden, und den Anschluss alleine nicht mehr schaffen.
Dass dieses Modell des Lernens und der Leistungserhebung (bereits nach erst vier Jahren der Entwicklung!) zuverlässig funktioniert, bestätigen auch die Ergebnisse von Vergleichsarbeiten und Fremdevaluation, bei denen die Lernpartner und die Schule weit überdurchschnittlich abschneiden — vor allem aber die Zufriedenheit der Kinder, Eltern und Lernbegleiter!

(Un-) Zeitgemäße Lernformen


Wie allgemein bekannt, gestalten sich Lernprozesse bei (Klein-) Kindern höchst unterschiedlich. Das eine läuft früher und beginnt später zu sprechen, beim anderen ist es genau umgekehrt. Hier kommen — sofern keine physiologischen Beschwerden vorliegen — weder Eltern noch die Gesellschaft auf die Idee, das Kind in eine „Geh“- oder „Sprech-Schule“ zu bringen. Auch wird wohl niemand das Kind bestrafen, wenn es nicht so schön malt wie das gleichaltrige Nachbarskind. Und in keiner Gesellschaft ist es gängig, dass Kinder außerhalb der Schule nur mit gleichaltrigen Kindern spielen und lernen.
Warum aber gehen wir davon aus, dass diese seit Jahrtausenden bewährten Lernformen für Kinder und Jugendliche ab dem 6. Lebensjahr in der Schule nicht mehr gelten? Grund hierfür kann nur sein, dass im 19. und 20. Jahrhundert Konformität erwünschter als Individualität war. Soldaten gleich sollten Kinder gesellschaftskonform erzogen werden, weshalb sich Schulen erfolgreich am Vorbild der preußischen Kaserne orientierten — bis jetzt! Menschen in zukünftigen Gesellschaften benötigen aber andere Hard- und vor allem Soft-Skills als vorangegangene Generationen! Dies wird alleine schon deutlich, wenn man junge, schnell wachsende Unternehmen besucht oder deren Mitarbeiter nach Abschlüssen befragt: Immer häufiger sind Schul- und Hochschulabschlüsse nicht mehr das entscheidende Kriterium, ob man (teilweise) hochbezahlte Jobs findet. Beispiele hierfür findet man zu genüge.
Die Alemannenschule Wutöschingen möchte diesem Umstand begegnen und fördert deshalb, soweit es rechtliche Rahmenbedingungen und Schulverwaltungsorgane zulassen, das Potential eines jeden Einzelnen. Stundenkontingenztafeln und Bildungsplänen zum trotz haben Kinder die Möglichkeit, Schwerpunkte in ihrem Lernen zu setzen, und auch vermeintlich „außerschulisches“ (z.B. Instrumentalunterricht, Imkerei, Teichbau, Angeln, Bauernhof, Dirt Bike, …) findet seinen Platz im Schulalltag und angemessene Würdigung.
Auffällige Veränderung im Lernen ist aber sicherlich auch die Verwendung digitaler Medien. Mit einem iPad 1:1 (mit momentan ca. 400 Devices), AppleTVs, Smartboards, Schulweitem WLAN und vielem mehr, begegnet die Schule und Gemeinde Wutöschingen einer der wohl größten Herausforderungen, vor denen Schulen zur Zeit stehen. Den bewusst lancierten Falschinformationen, Gemeinschaftsschulen wären in den letzten 5 Jahren durch die grün-rote Landesregierung finanziell bevorzugt worden, möchte ich an dieser Stelle entgegenstellen, dass  bspw. das gesamte Medienkonzept der Alemannenschule Wutöschingen durch die Gemeinde, Lernbegleiter und Eltern realisiert wurde, und keinerlei Fördermittel des Landes zur Verfügung standen. Somit ging es uns nicht besser als jeder anderen Schule und einzig das Engagement der Lernbegleiter, Eltern und Gemeinden wird in den nächsten Jahren darüber entscheiden, ob der Einsatz digitaler Medien an Schulen gelingen wird oder nicht.

Raum


Räume haben sich an deutschen Schulen parallel zu ihrer Struktur entwickelt: also nur marginal! Die Positionierung des obligatorischen Kruzifixes, der Tafel, des Pults, des Lehrers, der Tische und des Waschbeckens bergen für Teilnehmer von „Abi-Treffen Jahrgang 1960“ auch heute noch keine Überraschungen und mit etwas Glück, finden sie an der Toilettentür ihr eigenes Autogramm wieder. Man stelle sich diesen Umstand in anderen Berufssparten vor…
Als ich neu an unsere Schule kam, sprach unser Rektor vom „Raum als drittem Pädagogen“. Ich muss zugeben, dass ich nicht ansatzweise verstand, was er damit meinte. Rückblickend finde aber auch ich keine besser Umschreibung dafür, welchen Einfluss der Raum auf das Lernen hat. Führt man sich vor Augen, dass auch in der allseits bekannten Hattie-Studie die Lehrerpersönlichkeit einen zentralen Platz einnimmt, so wird deutlich, welche Bedeutung wir auch dem Raum zusprechen, wenn wir ihn als „3. Pädagogen“ bezeichnen.
Sollen sich nämlich die beiden erstgenannten Punkte verändern, so bedarf es Räumen, die dies ermöglichen. Denn wenn nicht mehr alle Kinder das Gleiche zur gleichen Zeit lernen, benötigen sie unterschiedliche Räume:

bildschirmfoto-2016-12-04-um-14-00-411. Räume, um in Ruhe alleine zu lernen
2. Räume, um kollaborativ zu lernen,
3. Räume, um digital zu lernen,
4. Räume, um sich auszuruhen

.

Da das Raumkonzept alleine schon ein Buch füllen würde, möchte ich an dieser Stelle auf eine genauere Beschreibung verzichten und Sie stattdessen dazu einladen, unsere Schule oder die Learntec 2017 in Karlsruhe zu besuchen.
Aber nicht nur die Lernpartner, auch die Lernbegleiter brauchen neue „Räume“ um den Herausforderungen im Schulalltag gewachsen sein zu können. Eine große Rolle spielen hier digitale Räume, die ein effizientes, kooperatives und zeitgemäßes Zusammenarbeiten erst ermöglichen.
Hier sei vor allem die von Mirko Sigloch initiierte OpenSource-Lernplattform DiLer (www.digitale-lernumgebung.de) genannt, welche allen am Schulleben Beteiligten Einblick, Zugriff auf Lernressourcen und Dokumentation von Lernprozessen ermöglicht, aber auch das Materialnetzwerk (www.materialnetzwerk.org), über welches sich inzwischen gut 40 Schulen aus ganz Baden-Württemberg, Ägypten und Australien vernetzt haben und sich gegenseitig Materialien zur Verfügung stellen, die alle einheitlichen Kriterien genügen und über eine Cloud-Lösung abgerufen werden können.

Mit „digitalem Lernen“ wird alles besser, oder?

Seit jeher gab es Bemühungen, Hi-Tech in Schulen einzusetzen – sei es das Buch oder das iPad. Auffallend ist jedoch, dass sie sich nur dann durchsetzte, wenn sie problemlos in bestehende Strukturen integriert werden konnte oder eine „ersetzende“ Rolle übernahm (z.B. Over-Head-Projektoren statt Tafelbild). Hi-Tech, die eine Neudefinition bestehender Strukturen erfordert hätte, war jedoch meist von Beginn an zum Scheitern verurteilt (z.B. Sprachlabore ab den 60er Jahren oder der Einsatz von Computern/Computerräumen).
Momentan stehen Schulen wieder vor der Herausforderung, Hi-Tech in Lernszenarien zu integrieren. Und abermals scheitern viele (Tablet- & Laptop-) Projekte und Versuche in Deutschland — aus dem einfachen Grund, dass sie, um zu gelingen, Veränderungen in den grundlegenden Lern- und Schulstrukturen erfordern. Diese anzugehen sind aber leider viele Schulverwaltungsorgane, Schulträger und Schulen sowie dort arbeitende Personen nicht bereit oder aber nicht in der Lage.
Die Hoffnung, dass das Lernen mit digitalen Medien unsere strukturellen Probleme löst, wird sich solange nicht bewahrheiten, wie digitale Medien als ein neues Distributionswerkzeug für bestehende Strukturen angesehen werden. Digitale Schulbücher, Arbeitsblätter als PDF auf dem iPad oder Apps bieten aus sich selbst heraus keinen Mehrwert für erfolgreiches Lernen.

bildschirmfoto-2016-12-04-um-14-03-09Ruben R. Puentedura (PhD), Gründer eines US-amerikanischen Beratungsunternehmens für den Bildungsbereich, erstellte ein Modell, welches als Grundlage für die erfolgreiche Implementierung digitaler Medien in Schulen verwendet werden kann und jedem Lernbegleiter bei der kritischen Evaluation des eigenen Einsatzes digitaler Medien bekannt sein sollte. Hierbei wird der Einsatz digitaler Medien in vier Stufen unterteilt, welche wiederum in den beiden Bereichen „Erweiterung“ und „Umformung“ verortet sind.
Werden digitale Medien im Bereich der „Erweiterung“ verwendet, gibt es keinen oder nur geringen Mehrwert für den Lernenden. Im Bereich der „Umformung“ profitiert der Lernende aber in besonderem Maße.
Einige Zeit beschäftigte mich die Frage, warum es Schulen und Lernbegleitern zu selten gelingt, die obersten beiden Stufen zu erreichen. Mittlerweile bin ich der Überzeugung, dass hierfür u.A. folgende drei Faktoren ausschlaggebend sind:

Private Nutzung digitaler Medien


Fragt man Erwachsene (auch Lehrer), für was sie bspw. ihr privates Tablet nutzen, steht das Konsumverhalten ganz oben auf der Liste: Photos ansehen, im Internet surfen, YouTube schauen, spielen, vielleicht eine Mail schreiben. Ein produktives, schöpferisches und kreatives Verhalten im Umgang mit Tablets (App-Smashing, Content-Creation, …) ist nur selten festzustellen. So verwundert es kaum, dass Lehrer Tablets nur ungern in einem per Definition produktiven Umfeld — nämlich der Schule — nutzen. Nicht selten wird dies auch durch die Angst begleitet, dass die dem Lehrer anvertrauten „digital natives“ die eigene Unwissenheit bemerken könnten — wie stünde man als Lehrer denn dann da? Abgesehen von dieser fragwürdigen Haltung sei diesen Lehrern beruhigend gesagt, dass Kinder von ihren Eltern lernen und deshalb meist genau das gleiche Konsumverhalten im Umgang mit Tablets an den Tag legen und ebenso wie Erwachsene einen produktiven Umgang erst erlernen müssen.

Ausbildung im Umgang mit digitalen Medien


Im Jahr 2010 legte ich das erste, 2012 das zweite Staatsexamen ab. Hätte ich nicht freiwillig zwei Seminare im Bereich Medienbildung belegt, hätte ich während des gesamten Studiums in der Hochschule keinen Computer gesehen. Und dass ich Kollegen zur Projektprüfung des 2. Staatsexamens den Beamer an den Laptop anschließen musste, entlockte mir damals zwar nur ein Schmunzeln, heute blicke ich aber sprachlos darauf zurück. In der Hoffnung, dass sich mittlerweile alles geändert hat, rief ich während der Erstellung dieses Artikels eine Freundin an, die im kommenden Jahr ihr erstes Staatsexamen absolvieren wird — leider wurde ich enttäuscht. 
Wen wundert es also, dass sich Lehrer beruflich oft noch in der „digitalen Steinzeit“ befinden?

Ressourcen


Schulträger, Schulen und Lehrer, die digitale Medien einsetzen möchten, werden noch immer unzureichend mit finanziellen und personellen Ressourcen ausgestattet. Die gängigen zwei Stunden Ermäßigung für Netzwerkberater (festgesetzt im 20. Jahrhundert, und seitdem kaum verändert!) reichen beispielsweise nicht annähernd, um ein schulisches Netzwerk am Laufen zu halten. An die Realisierung eines 1:1-Projekts (mit Laptops oder Tablets) ist gar nicht erst zu denken. So bestätigten mir verschiedenste Unternehmer, dass für das Volumen der Alemannenschule Wutöschingen (400 iPads, 40 MacBooks, 20 AppleTVs, Netzwerk, WLAN, PC-Theken mit ca. 50 Rechnern) in jedem Unternehmen mehrere IT-Fachleute angestellt werden würden.
Weiterhin stellt sich die Frage, wer die Hardware bezahlt. Da sowohl das Land als auch die Schulträger über leere Kassen klagen, bleibt die Finanzierung meist an den Eltern hängen. Die Frage nach der Chancengleichheit im Bildungsbereich beantwortet sich hier von selbst.

Sofern sich also die nötigen Rahmenbedingungen zum Einsatz digitaler Medien nicht verbessern, und solange sich Kultusministerin Dr. Eisenmann dafür ausspricht, mit der Digitalisierung „langsam zu machen“ (Besuch der Kultusministerin an der Justus-von-Liebig-Schule Waldshut, 29.09.2016), sehe ich für eine breit angelegte Realisierung im Bildungsbereich wenig Chancen.
Hinzu kommt die oftmals ablehnende Haltung gegenüber digitalen Medien, welche ihren Ursprung in der meist negativen Berichterstattung über sie hat. Sogenannte „Killerspiele“ und Internetsucht finden in den Massenmedien weit mehr Aufmerksamkeit als die Chancen, die sich unseren Kindern durch digitale Medien bieten. Denn wer glaubt, dass der schulische Einsatz digitaler Medien zu „Bildschirm-Zombies“ führt, befindet sich nach Puentedura noch immer auf der untersten Stufe, irrt in der Annahme, dass alles Analoge durch digitales „ersetzt“ wird und erkennt eben nicht den möglichen Mehrwert und die völlig neuen Bildungschancen. Dies kann natürlich nicht der Anspruch eines gelingenden Medienkonzepts von Schulen sein. Vielmehr geht es darum, eine Symbiose zwischen vielfältigsten Lernformen und -materialien und ihren Mehrwerten für den Lernenden herzustellen. Dass dieser Mix jedoch ein höchst personalisierter sein muss, spricht wiederum für die Auflösung bestehender und die Neudefinition zukunftsträchtiger Schul- und Lernstrukturen. 
Abschließend sei noch angemerkt, dass es kein „digitales Lernen“ gibt – zumindest nicht beim Menschen! Oder haben Sie am Hinterkopf einen USB-Anschluss, über den Sie Daten direkt in Ihr Hirn transferieren können?

 

Das Schulbuch der Zukunft schreiben Lernende selbst

Schulbuchverlage reagieren bisher nur zögerlich auf die neuen Möglichkeiten, die sich Lernenden durch digitale Medien ergeben. Zwar gibt es Bestrebungen, Inhalte digital bereitzustellen, allerdings werden bei der Konzeption solcher Inhalte noch immer die alten (Lern-) Strukturen zu Grunde gelegt (vgl. „7G-Modell“). Bezogen auf Puenteduras Modell (s.o.) sind solche Inhalte also höchstens auf der zweiten Stufe (Augmentation) anzusiedeln. Dieses konservative Verhalten ist aus wirtschaftlicher Sicht einerseits nur allzu verständlich, da die „Kundschaft“ selbst noch meist in diesen alten Strukturen verharrt, andererseits als kurzsichtig und verantwortungslos zu verurteilen. Insofern ist es Aufgabe der Schulen, Initiative beim Strukturwandel zu zeigen. Erst wenn dies geschieht, werden Verlage darauf reagieren (können/wollen). An dieser Stelle möchte ich  jedoch darauf verzichten, den daraus resultierenden „Rattenschwanz“ näher zu erläutern (Schulen können sich nur verändern, wenn Schulträger und Schulverwaltungsorgane Rahmenbedingungen schaffen, usw.), da dieser Wandel wohl kaum nach dem Prinzip „Top-Down“ funktionieren wird. Vielmehr bedarf es der Initiative nach dem „Bottom-Up“-Prinzip, welches nur dann angestoßen werden wird, wenn sich gesellschaftliche Konventionen bezüglich Schule verändern und Eltern auch in Schulen die unantastbare Würde des Menschen im Namen ihrer Kinder einfordern. Dann könnte folgende Kettenreaktion ausgelöst werden:
Wenn wir die menschliche Individualität und das Recht, diese ausleben zu dürfen, nicht nur Erwachsenen, sondern auch (Schul-) Kindern in Lernprozessen zugestehen, müssen wir das standardisierte Lernmodell den Geschichtsbüchern überlassen und ein personalisiertes, bzw. personalisierbares Modell einführen. Dies hätte zur Folge, dass bei klar definiertem Lernziel der Ausgangspunkt des Lernens, die Lernschritte und die Materialien, mit denen der Lernende das Ziel erreicht, völlig personalisiert werden, bzw. durch den Lernenden personalisierbar sein muss. Bei einem Lehrer-Schüler-Verhältnis von ca. 1:28 ist eine entsprechende Materialbereitstellung in traditionellem Sinne (Buch, Arbeitsblätter, Aufgaben, …) jedoch nicht mehr leistbar.

bildschirmfoto-2016-12-04-um-14-04-20Genau an dieser Stelle bieten uns digitale Medien eine große Chance, da über diese unterschiedlichste Lerninhalte jederzeit und an jedem Ort durch den Lernenden abgerufen werden können. Die Bereitstellung durch den Lernbegleiter entfällt hier also teilweise. Einziges „Problem“: Kinder müssten dazu befähigt werden, digitale Medien und das Internet verantwortlich, kritisch und zielorientiert zum Zwecke des Lernen einzusetzen.
Aber Moment: Sind nicht genau das einige der vielbeschworenen 21st-Century Skills, die in der schulischen Bildung noch viel zu wenig Berücksichtigung finden (Stichwort „digital literacy“)? Doch! Ein Grund mehr, genau diesen Weg zu wählen.

Im Prinzip schreiben Kinder bei richtigem Einsatz digitaler Medien also ihr eigenes „Schulbuch“, indem sie (in Begleitung durch Lernbegleiter) die Inhalte und deren Abfolge in Kombination mit analogen Materialien und und der Expertise des Lernbegleiters selbst wählen.
Anbieter von Lerninhalten müssen sich folglich vollkommen neu orientieren und erfolgreichen Modellen aus dem Social-Media-Bereich folgen. Denn solange die Auswahl und Abfolge der Lerninhalte nicht vom Lernenden selbst bestimmt werden können, sondern all dies bspw. durch den Aufbau eines (digitalen) Buches vorgegeben wird, ist wirklich personalisiertes Lernen nicht möglich.
Nicht umsonst genießen YouTube-Kanäle wie „The simple Club“ mit teilweise über 60.000 Aufrufen pro Video mehr Aufmerksamkeit als so mancher Lehrer – und mehr „Likes“ erhalten sie auch!

Es gilt also, Schule neu zu denken und zu definieren, Lehrer besser fortzubilden, ihnen die Angst im Umgang mit digitalen Medien zu nehmen und sich bei der Konzeption neuer Lernumgebungen und -strukturen nicht an Juristen und Verwaltungsorganen, sondern an Pädagogen, Psychologen und Lernforschern zu orientieren!

Veröffentlicht inAllgemeiniPadPraxisSchulentwicklung

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